Nur eine Frage
„Können Maschinen denken?“, „Ist Demokratie die beste Staatsform?“, „Ist Armut erblich?“. Oder: „Existiere ich wirklich?“ Das sind einfache, aber grundlegende Fragen, die viele von uns umtreiben, und auf die eine klare Antwort oft schwer zu finden ist. In dem Podcast „Nur eine Frage“ stellen wir diese vermeintlich simplen „Kinderfragen“ – der bestmöglichen Expertin, dem bestmöglichen Experten, den wir für das jeweilige Thema finden konnten. Wir haken so lange nach, bis wir eine definitive Antwort bekommen, am besten in Form eines klaren „Ja“ oder „Nein“.
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Wednesday Jun 10, 2026
Wednesday Jun 10, 2026
Kaum ein US-Diplomat war dem israelisch-palästinensischen Friedensprozess über so viele Jahre so nah wie Dennis Ross. Er sagt: Es gibt eine Lösung. Aber sie dauert.
Im ZEIT-Podcast »Nur eine Frage« stellt ZEIT-Chefredakteur Jochen Wegner einfache, aber grundlegende Fragen, die viele von uns umtreiben, auf die eine klare Antwort jedoch oft schwer zu finden ist. Wir befragen die bestmögliche Expertin, den bestmöglichen Experten, den wir für das jeweilige Thema finden können.
In dieser Folge von Nur eine Frage stellen wir dem US-amerikanischen Diplomaten Dennis Ross die Frage: »Kann der Nahostkonflikt gelöst werden?«
Dennis Ross, geboren 1948, ist eine bedeutende Figur der amerikanischen Nahost-Diplomatie. In den Achtzigerjahren war er Mitbegründer des Washington Institute for Near East Policy, 1988 wurde er zum Chefunterhändler für die Nahost-Friedensgespräche ernannt. Er überzeugte arabische und israelische Politiker, an der historischen Madrider Konferenz teilzunehmen, die den Friedensprozess in Gang setzte. In den Jahren danach spielte Ross eine Schlüsselrolle bei den Verhandlungen über die Osloer Abkommen, das Interimsabkommen von 1995 und das Hebron-Abkommen. Mit dem Ende von Bill Clintons Amtszeit endete auch seine Zeit als Sondergesandter.
Seine Antwort auf die Frage »Kann der Nahostkonflikt gelöst werden?« lautet: »Ja, er kann gelöst werden. Aber nicht so bald.« Das Trauma des 7. Oktober habe beide Seiten so tief getroffen, dass sich Israelis und Palästinenser in der schlechtesten Lage befänden, die Ross in fast 40 Jahren erlebt habe. »Dieses gegenseitige Trauma macht es beiden Seiten unmöglich, sich den Schmerz des anderen vorzustellen, jeder sieht nur den eigenen.«
Im Kern, erklärt Ross, sei der Nahostkonflikt, wenn wir ihn als Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern definieren, einfach zu beschreiben: zwei nationale Bewegungen, die um denselben Raum konkurrieren. Beide hätten einen Anspruch auf das Land, beide eine tiefe, darin verwurzelte Identität, und keine Seite werde diese aufgeben. Deshalb sei die Vorstellung einer Einstaatenlösung eine Illusion. Die langfristige Lösung seien zwei Staaten für zwei Völker. »Davon aber sind wir im Moment weit entfernt«, so Ross.
Über die aktuellen Führungsfiguren urteilt Ross: »Solange Netanjahu und Abbas da sind, ist kein Frieden möglich.« Entscheidend für die Zukunft sei die Rolle der arabischen Staaten: Sie müssten eine neue palästinensische Führung aufbauen und ihr Legitimität verleihen – aber auch Druck ausüben. Die USA allein könnten den Konflikt nicht lösen, auch wenn sie ein Akteur mit unvergleichlichem Einfluss auf Israel sind.
Auch für Deutschland hat Ross einen Rat: Die Bundesregierung habe eine einzigartige Position, weil die deutsche Stimme in Israel nicht einfach abgetan werden könne. Deutschland solle Hilfe anbieten, aber auch klar benennen, was es im Gegenzug erwarte. Nur Kritik zu üben, führe dazu, dass die Israelis abschalteten.
Den Ausgangspunkt für Frieden sieht Ross in Gaza: Wiederaufbau im Tausch gegen die Entwaffnung der Hamas. Parallel müsse die Palästinensische Autonomiebehörde reformiert werden. Dann könne man beide Seiten auf praktischer Ebene wieder zusammenbringen und Kooperation ermöglichen. Dadurch, so Ross, »lässt sich etwas zurückgewinnen, das derzeit fehlt: der Glaube, dass Fortschritt überhaupt möglich ist.« Bis zu einer echten Lösung des Nahostkonflikts rechnet Ross mit Jahrzehnten.
Produktion: ifbbw, Pool ArtistsRedaktion: Carl Friedrichs, Jens Lubbadeh, Sophie HübnerVisuelle Produktion: Michael Pfister
Alle Folgen des Podcasts finden Sie hier. Abonnieren Sie auch unseren N1F-Newsletter.Fragen, Kritik, Anregungen? Schreiben Sie eine Mail an n1f@zeit.de.

Wednesday Jun 10, 2026
Wednesday Jun 10, 2026
Kaum ein US-Diplomat war dem israelisch-palästinensischen Friedensprozess über so viele Jahre so nah wie Dennis Ross. Er sagt: Es gibt eine Lösung. Aber sie dauert.
Im ZEIT-Podcast »Nur eine Frage« stellt ZEIT-Chefredakteur Jochen Wegner einfache, aber grundlegende Fragen, die viele von uns umtreiben, auf die eine klare Antwort jedoch oft schwer zu finden ist. Wir befragen die bestmögliche Expertin, den bestmöglichen Experten, den wir für das jeweilige Thema finden können.
In dieser Folge von Nur eine Frage stellen wir dem US-amerikanischen Diplomaten Dennis Ross die Frage: »Kann der Nahostkonflikt gelöst werden?«
Dennis Ross, geboren 1948, ist eine bedeutende Figur der amerikanischen Nahost-Diplomatie. In den Achtzigerjahren war er Mitbegründer des Washington Institute for Near East Policy, 1988 wurde er zum Chefunterhändler für die Nahost-Friedensgespräche ernannt. Er überzeugte arabische und israelische Politiker, an der historischen Madrider Konferenz teilzunehmen, die den Friedensprozess in Gang setzte. In den Jahren danach spielte Ross eine Schlüsselrolle bei den Verhandlungen über die Osloer Abkommen, das Interimsabkommen von 1995 und das Hebron-Abkommen. Mit dem Ende von Bill Clintons Amtszeit endete auch seine Zeit als Sondergesandter.
Seine Antwort auf die Frage »Kann der Nahostkonflikt gelöst werden?« lautet: »Ja, er kann gelöst werden. Aber nicht so bald.« Das Trauma des 7. Oktober habe beide Seiten so tief getroffen, dass sich Israelis und Palästinenser in der schlechtesten Lage befänden, die Ross in fast 40 Jahren erlebt habe. »Dieses gegenseitige Trauma macht es beiden Seiten unmöglich, sich den Schmerz des anderen vorzustellen, jeder sieht nur den eigenen.«
Im Kern, erklärt Ross, sei der Nahostkonflikt, wenn wir ihn als Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern definieren, einfach zu beschreiben: zwei nationale Bewegungen, die um denselben Raum konkurrieren. Beide hätten einen Anspruch auf das Land, beide eine tiefe, darin verwurzelte Identität, und keine Seite werde diese aufgeben. Deshalb sei die Vorstellung einer Einstaatenlösung eine Illusion. Die langfristige Lösung seien zwei Staaten für zwei Völker. »Davon aber sind wir im Moment weit entfernt«, so Ross.
Über die aktuellen Führungsfiguren urteilt Ross: »Solange Netanjahu und Abbas da sind, ist kein Frieden möglich.« Entscheidend für die Zukunft sei die Rolle der arabischen Staaten: Sie müssten eine neue palästinensische Führung aufbauen und ihr Legitimität verleihen – aber auch Druck ausüben. Die USA allein könnten den Konflikt nicht lösen, auch wenn sie ein Akteur mit unvergleichlichem Einfluss auf Israel sind.
Auch für Deutschland hat Ross einen Rat: Die Bundesregierung habe eine einzigartige Position, weil die deutsche Stimme in Israel nicht einfach abgetan werden könne. Deutschland solle Hilfe anbieten, aber auch klar benennen, was es im Gegenzug erwarte. Nur Kritik zu üben, führe dazu, dass die Israelis abschalteten.
Den Ausgangspunkt für Frieden sieht Ross in Gaza: Wiederaufbau im Tausch gegen die Entwaffnung der Hamas. Parallel müsse die Palästinensische Autonomiebehörde reformiert werden. Dann könne man beide Seiten auf praktischer Ebene wieder zusammenbringen und Kooperation ermöglichen. Dadurch, so Ross, »lässt sich etwas zurückgewinnen, das derzeit fehlt: der Glaube, dass Fortschritt überhaupt möglich ist.« Bis zu einer echten Lösung des Nahostkonflikts rechnet Ross mit Jahrzehnten.
Produktion: ifbbw, Pool ArtistsRedaktion: Carl Friedrichs, Jens Lubbadeh, Sophie HübnerVisuelle Produktion: Michael Pfister

Wednesday May 27, 2026
Wednesday May 27, 2026
Im ZEIT-Podcast »Nur eine Frage« stellt ZEIT-Chefredakteur Jochen Wegner einfache, aber grundlegende Fragen, die viele von uns umtreiben, auf die eine klare Antwort jedoch schwer zu finden ist. Wir befragen die bestmögliche Expertin, den bestmöglichen Experten, den wir für das jeweilige Thema finden können.
In dieser Folge von Nur eine Frage stellen wir der Klimaforscherin Friederike Otto die Frage: »Ist die Welt noch zu retten?«
Friederike Otto ist eine der international einflussreichsten Klimaforscherinnen. Otto ist Physikerin und promovierte Philosophin, hat in Potsdam und Berlin studiert, in Oxford geforscht und ist heute Professorin für Klimawissenschaften am Imperial College in London. Sie ist Mitbegründerin der sogenannten Zuordnungsforschung (Attribution Science), die den Zusammenhang zwischen Extremwetterereignissen und Klimawandel untersucht. Otto hat auch die Forschungsinitiative World Weather Attribution (WWA) mit ins Leben gerufen und an mehreren Berichten des Weltklimarats (IPCC) mitgeschrieben. 2023 erhielt sie den Deutschen Umweltpreis.
Im Podcast erklärt Friederike Otto zunächst die physikalischen Grundlagen des Klimawandels und warum die Welt aus wissenschaftlicher Perspektive deswegen ein großes Problem hat: Derzeit liegt die globale Erwärmung bei etwa 1,4 Grad. Selbst wenn alle versprochenen Klimamaßnahmen umgesetzt würden, käme die Welt bis Ende des Jahrhunderts auf etwa 2,6 Grad – mit dramatischen Folgen: »Wir werden Temperaturen und Niederschläge erleben, die wir uns im Moment nicht vorstellen können«, sagt Otto.
Am Beispiel der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 erläutert die Klimawissenschaftlerin ihre Methode der Zuordnungsforschung und zeigt, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Welt mit Klimawandel gegen eine hypothetische Welt ohne Klimawandel rechnen. Das Ergebnis: Der menschengemachte Klimawandel hat die Wahrscheinlichkeit eines solchen Extremereignisses verdoppelt.
Dennoch sieht Otto Grund zur Hoffnung: »Wenn wir aufhören, fossile Brennstoffe zu verbrennen, dann hört die globale Mitteltemperatur auf zu steigen.« Sie kritisiert den Einfluss der fossilen Industrie auf die Politik und dass die Debatte zu oft als Verzichtsdiskussion geführt werde. Dabei sei Klimaschutz für weitaus mehr bedeutsam: für ein zugängliches Gesundheitswesen, starke Institutionen und um gute Bildung zu ermöglichen und zu bewahren. »Beim Klimawandel geht es nicht nur darum, eine abstrakte Umwelt zu schützen, sondern eine hohe Lebensqualität für viele Menschen zu erreichen.« Die dafür nötigen Maßnahmen – Ausbau erneuerbarer Energien, bessere Gebäudeisolierung, öffentlicher Nahverkehr – seien längst bekannt und günstiger als fossile Alternativen.
Ottos abschließende Antwort auf die N1F-Frage ist: Ja, die Welt ist noch zu retten. »Wir als Menschheit verbocken zwar immer wieder viel, aber wir haben auch viele tolle Sachen erfunden, die das Leben für viele deutlich besser gemacht haben.«
Produktion: ifbbw, Pool ArtistsRedaktion: Sophie Hübner, Jens Lubbadeh, Sophia HubelVisuelle Produktion: Michael Pfister Alle Folgen des Podcasts finden Sie hier. Abonnieren Sie auch unseren N1F-Newsletter.Fragen, Kritik, Anregungen? Schreiben Sie eine Mail an n1f@zeit.de.

Monday May 18, 2026
Monday May 18, 2026
Deutschland steckt in einer Wirtschaftskrise. Das jahrzehntelange Erfolgsmodell des Exportweltmeisters funktioniert nicht mehr. Was Ökonom Moritz Schularick rät.
Im Podcast »Nur eine Frage« stellt ZEIT-Chefredakteur Jochen Wegner einfache, aber grundlegende Fragen, auf die eine klare Antwort schwer zu finden ist. Er befragt die bestmögliche Expertin, den bestmöglichen Experten, den wir für das jeweilige Thema finden können – und versucht, eine klare Antwort zu bekommen.
Made in Germany galt lange Zeit als Gütesiegel für Ingenieurskunst, Qualität und Exportstärke. Deutsche Autos waren gefragt in aller Welt und Garant für Wirtschaftsstärke und Wohlstand. Vorbei. Die deutsche Wirtschaft schwächelt: Auf die Kriege in der Ukraine und im Iran folgten Energiekrisen mit Preisschocks, anhaltende Inflation verunsichert seit Jahren Wirtschaft und Verbraucher und zuletzt reagierten wichtige deutsche Unternehmen wie Volkswagen mit massivem Stellenabbau auf teils hohe Gewinneinbrüche. Woran liegt's? Sind die Deutschen nicht innovativ, nicht mutig oder gar nicht fleißig genug?
Ist Made in Germany am Ende? Das fragen wir in der aktuellen Ausgabe des ZEIT-Podcasts Nur eine Frage den Ökonomen Moritz Schularick. Er ist Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft und eine der gefragtesten ökonomischen Stimmen Deutschlands. Schularick forscht und publiziert unter anderem zur Geschichte der Finanzmärkte, zu Populismus und den Ursachen sozialer Ungleichheit. In der Öffentlichkeit äußert er sich häufig zu Wirtschaftsfragen, übt Kritik und gibt politische Ratschläge. 2021 erschien sein Buch Der entzauberte Staat. Was Deutschland aus der Pandemie lernen muss, in dem er das Krisenmanagement der Bundesrepublik während der Coronapandemie kritisierte.
Schularick sagt: Das alte export- und industriezentrierte Wachstumsmodell der Bundesrepublik hat seine beste Zeit hinter sich. Deutschland sei über Jahre hinweg zu oft rückwärts in die Zukunft gelaufen – gebremst durch eine Mischung aus Trägheit nach dem Erfolg, Bürokratie und Regulierung sowie politischer Reformunfähigkeit. Vieles, was früher Wettbewerbsvorsprung bedeutete, lässt sich inzwischen leicht nachbauen. Entscheidend werde deshalb sein, wie schnell und wie mutig Deutschland Innovation zulasse: »Versuch und Irrtum« müsse wieder Teil der nationalen DNA werden – nicht nur als Idee, sondern als umsetzbare Praxis.
Dabei geht Schularick im Gespräch nicht nur auf Wirtschaftspolitik, sondern auch auf das Fundament dahinter ein: Wie handlungsfähig ist der Staat wirklich? Wie viel Energie steckt das System in die Gegenwart, statt in die Zukunft – etwa beim Thema Rentenpolitik? Und warum fühlt sich das Land in existenziellen Fragen zunehmend abhängig, statt souverän zu reagieren?
Am Ende macht er dennoch Hoffnung – nicht als Wunschdenken, sondern mit konkreten Feldern: Resilienz und Sicherheit, vor allem aber der europäische Binnenmarkt und Reformen, die Wettbewerbsfähigkeit ohne »großen Geldregen« anschieben könnten. Made in Germany sei vorbei für die Güter der zweiten industriellen Revolution – doch dass in Deutschland weiter produziert werden wird, steht für ihn nicht zur Debatte. Die eigentliche Frage lautet: Kann Deutschland wieder dynamischer und innovativer werden?
Produktion: ifbbw, Pool Artists Redaktion: Carl Friedrichs, Jens Lubbadeh
Fragen, Kritik, Anregungen? Schreiben Sie eine Mail an n1f@zeit.de. Alle N1F-Folgen finden Sie unter www.zeit.de/n1f. Dort können Sie auch den N1F-Newsletter abonnieren.

Wednesday Apr 29, 2026
Wednesday Apr 29, 2026
Im ZEIT-Podcast Nur eine Frage stellt ZEIT-Chefredakteur Jochen Wegner einfache, aber grundlegende Fragen, die viele von uns umtreiben, auf die eine klare Antwort jedoch schwer zu finden ist. Wir befragen die bestmögliche Expertin, den bestmöglichen Experten, den wir für das jeweilige Thema finden können.
In dieser Folge von Nur eine Frage stellen wir dem Sozialpsychologen Jonathan Haidt die Frage: »Sind unsere Kinder glücklicher ohne soziale Medien?«
Jonathan Haidt, 62, ist ein US-amerikanischer Sozialpsychologe und Professor an der renommierten NYU Stern School of Business. Sein 2024 erschienenes Buch Generation Angst über die Schäden, die Smartphones und soziale Medien bei Kindern anrichten, stand mehr als 100 Wochen auf der Bestsellerliste der New York Times. 2026 ist sein Kinderratgeber Generation Glücklich erschienen, den er gemeinsam mit der US-Autorin Catherine Price verfasst hat.
Mehrere Länder haben damit begonnen, Smartphones aus dem Unterricht zu verbannen und ein Social-Media-Verbot für Jugendliche zu erlassen. Maßgeblich dafür verantwortlich sein dürfte Haidt, der seit Jahren vor den Gefahren von Smartphones und sozialen Medien warnt und zu eben jenen Maßnahmen rät.
Im Podcast begründet er, warum er soziale Medien für so gefährlich für Jugendliche und Kinder hält: Auf Plattformen wie Snapchat oder Instagram sind Jugendliche Sextortion ausgesetzt, also sexueller Erpressung. Alleine Snapchat berichte von rund 10.000 Hinweisen auf Sextortion-Vorfälle – pro Monat, sagt Haidt. Auch Cyberbullying, also die Schikane durch Mitschüler, sei ein großes Problem für Jugendliche. Anders als früher, als sich Schikane vorwiegend im lokalen Umfeld bewegte, verstärken soziale Medien das Problem immens.
Das zweite Problem, das Haidt sieht: »Der durchschnittliche US-amerikanische Teenager verbringt fünf Stunden am Tag in sozialen Medien. In Deutschland ist die Zahl etwas geringer. Hinzu kommen drei bis fünf Stunden mit anderen Bildschirmaktivitäten.« Die Folgen: Jugendliche bewegen sich zu wenig, bekommen nicht mehr genügend Schlaf und knüpfen weniger echte soziale Kontakte.
Und letztlich sorgt sich Haidt noch um die indirekten Effekte sozialer Medien auf Jugendliche: Die Zahl der Angststörungen, Depressionen und Selbstverletzungen unter Jugendlichen habe seit dem Jahr 2010 massiv zugenommen. Für Haidt ist der Fall klar: Das ist genau die Zeit, als Smartphones sich auf der ganzen Welt ausbreiteten und Social-Media-Plattformen wie Facebook beliebt wurden.
Er sieht darin den Hauptgrund für die Zunahme psychischer Erkrankungen bei Jugendlichen. Andere Forscher kritisieren diese Schlussfolgerung als vorschnell und verweisen auf mögliche andere belastende Faktoren wie die Klimakrise, die Finanzkrise und die Opioidkrise. Tatsächlich ist ein kausaler Zusammenhang zwischen Social Media und psychischen Erkrankungen nur schwer zu belegen – einfach, weil Smartphones überall sind und es keine Vergleichsgruppe gibt, die ohne diese Geräte lebt. Doch selbst wenn dieser Zusammenhang nur schwer beweisbar ist – »Social Media ist eine Plage für unsere Kinder«, sagt Haidt im Podcast.
Produktion: ifbbw, Pool Artists Redaktion: Lisa Hegemann, Jens Lubbadeh Alle Folgen des Podcasts finden Sie hier. Abonnieren Sie auch unseren N1F-Newsletter. Fragen, Kritik, Anregungen? Schreiben Sie eine Mail an n1f@zeit.de.

Wednesday Apr 29, 2026
Wednesday Apr 29, 2026
US-Psychologe Jonathan Haidt sieht die Kindheit bedroht: durch Smartphones, soziale Medien und KI-Teddybären. Auch Computer im Klassenzimmer seien falsch. Hat er recht?
Im ZEIT-Podcast Nur eine Frage stellt ZEIT-Chefredakteur Jochen Wegner einfache, aber grundlegende Fragen, die viele von uns umtreiben, auf die eine klare Antwort jedoch schwer zu finden ist. Wir befragen die bestmögliche Expertin, den bestmöglichen Experten, den wir für das jeweilige Thema finden können.
In dieser Folge von Nur eine Frage stellen wir dem Sozialpsychologen Jonathan Haidt die Frage: »Sind unsere Kinder glücklicher ohne soziale Medien?«
Jonathan Haidt, 62, ist ein US-amerikanischer Sozialpsychologe und Professor an der renommierten NYU Stern School of Business. Sein 2024 erschienenes Buch Generation Angst über die Schäden, die Smartphones und soziale Medien bei Kindern anrichten, stand mehr als 100 Wochen auf der Bestsellerliste der New York Times. 2026 ist sein Kinderratgeber Generation Glücklich erschienen, den er gemeinsam mit der US-Autorin Catherine Price verfasst hat.
Mehrere Länder haben damit begonnen, Smartphones aus dem Unterricht zu verbannen und ein Social-Media-Verbot für Jugendliche zu erlassen. Maßgeblich dafür verantwortlich sein dürfte Haidt, der seit Jahren vor den Gefahren von Smartphones und sozialen Medien warnt und zu eben jenen Maßnahmen rät.
Im Podcast begründet er, warum er soziale Medien für so gefährlich für Jugendliche und Kinder hält: Auf Plattformen wie Snapchat oder Instagram sind Jugendliche Sextortion ausgesetzt, also sexueller Erpressung. Alleine Snapchat berichte von rund 10.000 Hinweisen auf Sextortion-Vorfälle – pro Monat, sagt Haidt. Auch Cyberbullying, also die Schikane durch Mitschüler, sei ein großes Problem für Jugendliche. Anders als früher, als sich Schikane vorwiegend im lokalen Umfeld bewegte, verstärken soziale Medien das Problem immens.
Das zweite Problem, das Haidt sieht: »Der durchschnittliche US-amerikanische Teenager verbringt fünf Stunden am Tag in sozialen Medien. In Deutschland ist die Zahl etwas geringer. Hinzu kommen drei bis fünf Stunden mit anderen Bildschirmaktivitäten.« Die Folgen: Jugendliche bewegen sich zu wenig, bekommen nicht mehr genügend Schlaf und knüpfen weniger echte soziale Kontakte.
Und letztlich sorgt sich Haidt noch um die indirekten Effekte sozialer Medien auf Jugendliche: Die Zahl der Angststörungen, Depressionen und Selbstverletzungen unter Jugendlichen habe seit dem Jahr 2010 massiv zugenommen. Für Haidt ist der Fall klar: Das ist genau die Zeit, als Smartphones sich auf der ganzen Welt ausbreiteten und Social-Media-Plattformen wie Facebook beliebt wurden.
Er sieht darin den Hauptgrund für die Zunahme psychischer Erkrankungen bei Jugendlichen. Andere Forscher kritisieren diese Schlussfolgerung als vorschnell und verweisen auf mögliche andere belastende Faktoren wie die Klimakrise, die Finanzkrise und die Opioidkrise. Tatsächlich ist ein kausaler Zusammenhang zwischen Social Media und psychischen Erkrankungen nur schwer zu belegen – einfach, weil Smartphones überall sind und es keine Vergleichsgruppe gibt, die ohne diese Geräte lebt. Doch selbst wenn dieser Zusammenhang nur schwer beweisbar ist – »Social Media ist eine Plage für unsere Kinder«, sagt Haidt im Podcast.
Produktion: ifbbw, Pool Artists Redaktion: Lisa Hegemann, Jens Lubbadeh Alle Folgen des Podcasts finden Sie hier. Abonnieren Sie auch unseren N1F-Newsletter. Fragen, Kritik, Anregungen? Schreiben Sie eine Mail an n1f@zeit.de.

Wednesday Apr 22, 2026
Wednesday Apr 22, 2026
Im ZEIT-Podcast »Nur eine Frage« stellt ZEIT-Chefredakteur Jochen Wegner einfache, aber grundlegende Fragen, die viele von uns umtreiben, auf die eine klare Antwort jedoch oft schwer zu finden ist. Wir befragen die bestmögliche Expertin, den bestmöglichen Experten, den wir für das jeweilige Thema finden können.
In dieser Folge von Nur eine Frage stellen wir dem theoretischen Physiker Martin Bojowald eine der fundamentalsten Fragen überhaupt: »Gibt es Zeit?«
Martin Bojowald wurde 1973 in Nordrhein-Westfalen geboren. Er forscht und lehrt an der Penn State University in den USA und gilt als einer der führenden Köpfe der Schleifenquantengravitation – einer Theorie, die versucht, Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie mit der Quantenmechanik zu vereinen. Bereits kurz nach seiner Doktorarbeit formulierte Bojowald grundlegende Ideen, die ihm weltweit Aufmerksamkeit einbrachten: So glaubt der Physiker, dass vor unserem Universum ein anderes Universum existiert hat. Es könnte also eine Zeit vor der Zeit gegeben haben.
Im Podcast erläutert Martin Bojowald, was Zeit zu erklären so schwierig macht: Einerseits komme sie uns so alltäglich und natürlich vor. »Wir reden ständig über die Zeit, es klingt völlig selbstverständlich – aber wenn man genau hinsieht, ist es alles andere als leicht, Zeit wirklich zu definieren oder sie direkt zu messen.« Denn Uhren messen nicht die Zeit, sondern beobachten immer nur Veränderungen von Materie: die Bewegung von Uhrzeigern, den Zerfall von Atomen, die Rotation der Erde. Aber was ist Zeit dann überhaupt? Bojowald muss passen: »Tatsächlich haben wir keine wirklich gute Definition von Zeit.« Rätselhaft ist zudem eine besondere Eigenschaft, die Zeit besitzt: Als einzige der vier Dimensionen hat sie nur eine Richtung – von der Vergangenheit in die Zukunft, aber niemals umgekehrt. Warum? »Es gibt zurzeit keine wirkliche Erklärung dafür«, sagt Bojowald. Im Gespräch erläutert der Physiker die Konsequenzen aus der Schleifenquantengravitation: Dieser Theorie zufolge wäre der Raum kein Kontinuum, sondern bestünde aus kleinsten Einheiten, ähnlich wie Pixel bei einem Bild. Auch für die Zeit hätte das Konsequenzen, denn laut Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie ist sie untrennbar mit dem Raum verbunden. Auch sie bestünde dann aus kleinsten Einheiten, der sogenannten Planck-Zeit: Sie beträgt 5,4 mal 10 hoch minus 44 Sekunden – eine unvorstellbar kleine Zahl.
Die Schleifenquantengravitation verträgt sich auch nicht mit der Urknalltheorie. Im Gespräch erklärt Bojowald, dass seinem Modell zufolge die ansonsten immer anziehende Gravitationskraft bei extrem hoher Dichte plötzlich abstoßend wirkt. »Wenn es ein kollabierendes Vorgängeruniversum gegeben hat, könnte bei hoher Dichte der Kollaps aufgehalten und in eine Expansion umgekehrt worden sein«, sagt Bojowald. Aber: Auch die Zeit wäre dann nicht mit dem Urknall entstanden, wie es laut der gängigen Urknalltheorie der Fall war.
Bojowald arbeitet an der Vereinigung von Quantenphysik und Gravitation zur sogenannten »Weltformel« – ein Projekt, an dem Physiker seit rund einhundert Jahren vergeblich sitzen. Dennoch ist Bojowald optimistisch: »Es gibt spürbaren Fortschritt: Das mathematische Verständnis wächst, es werden neue Modelle entwickelt, die sich zumindest teilweise analysieren lassen. Daraus gewinnt man ein besseres Verständnis und kann wieder zu den Gleichungen zurückkehren, um sie ein Stück weiter zu verallgemeinern.« Dass künstliche Intelligenz einmal die Weltformel liefern wird, glaubt er nicht: Die grundlegend neuen Gleichungen zu finden, die dafür nötig wären, »verlangt Intuition«.
Bojowalds abschließende Antwort auf die zentrale Frage des Podcasts, ob es die Zeit gibt, lautet: »Ja.« Wenn er wetten müsste – einen Kasten Bier oder sein Haus –, würde er darauf setzen, dass die Zeit fundamental ist, also eine Grundeigenschaft des Universums. Einfach, weil sie so viele besondere Eigenschaften hat, die sich schwer als bloße Nebenprodukte erklären lassen.
Produktion: ifbbw, Pool Artists
Redaktion: Jens Lubbadeh
Alle Folgen unseres Podcasts finden Sie hier. Fragen, Kritik, Anregungen? Schreiben Sie eine Mail an n1f@zeit.de.

Wednesday Apr 08, 2026
Wednesday Apr 08, 2026
Früher hieß es: Roboter nehmen uns die Jobs weg, der Wald stirbt. Und heute? KI nimmt uns die Jobs weg, der Klimawandel bedroht uns. Drehen wir uns im Kreis?
Im Podcast "Nur eine Frage" stellt ZEIT-Chefredakteur Jochen Wegner einfache, aber grundlegende Fragen, auf die eine klare Antwort schwer zu finden ist. Er befragt die bestmögliche Expertin, den bestmöglichen Experten, den wir für das jeweilige Thema finden können – und versucht, eine klare Antwort zu bekommen.
Roboter nehmen uns die Jobs weg, der Wald stirbt – das sagten die Menschen in den Achtzigerjahren. Heute heißt es: KI nimmt uns die Jobs weg, das Klima kippt. Dazu kommen Brexit, Maga, AfD – überall der Wunsch, zu alten Zeiten zurückzukehren. Und ein Krieg in Europa, den kaum jemand für möglich gehalten hätte. Wer die Nachrichten verfolgt, denkt unwillkürlich: Hatten wir das nicht alles schon einmal? Sorge vor neuer Technik, Angst vor Umweltzerstörung, Überdruss an der Demokratie – drehen wir uns im Kreis?
Wir wollen in der neuen Folge von Nur eine Frage von Historikerin Ute Frevert wissen: Wiederholt sich Geschichte? Ute Frevert ist eine der prägendsten Historikerinnen Deutschlands. Sie war Direktorin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und hat dort den Forschungsbereich "Geschichte der Gefühle" aufgebaut und geleitet. Frevert lehrte auch in Bielefeld sowie Yale und ist Trägerin des Leibniz-Preises.
Im Gespräch geht es um die großen Muster der Geschichte – und ihre Grenzen: So glaubte der erste Geschichtsschreiber Thukydides an die ewige Wiederkehr der Geschichte. Für Thukydides, sagt Frevert, war Geschichte im Grunde eine Anleitung: Wer die Muster der Vergangenheit kennt, kann klüger handeln. Diese Ansicht hielt sich jahrhundertelang. Doch sie täuscht, betont die Historikerin. Zwar gebe es wiedererkennbare Muster – in der Angst vor neuer Technologie, im Aufstieg und Fall von Imperien, in der Sehnsucht nach starken Führern. Doch mindestens genauso prägend seien die Überraschungen, die Zufälle, das Nichtableitbare. "Wenn man genau hinschaut, sieht man mehr Unterschiede als Ähnlichkeiten", sagt Frevert. So spiele der Zufall in der Geschichte eine sehr große Rolle. Frevert nennt die Französische Revolution oder den Fall der Berliner Mauer als Beispiele für solche überraschenden und alles verändernden Wendungen. "Geschichte lässt sich nicht einsortieren. Sie überrascht uns immer wieder – und genau das macht sie so faszinierend und so wichtig."
Weiterhin analysiert Frevert im Gespräch, wie und warum Politiker wie Putin, Xi Jinping und Donald Trump dennoch suggerieren, dass Geschichte sich in großen Bögen abspiele. Sie geht auch darauf ein, inwieweit historische Vergleiche wie USA und Römisches Reich, Bundesrepublik und Weimarer Republik zulässig oder irreführend sind. Und weshalb Gefühle Geschichte nicht nur begleiten, sondern sie verändern können.
Produktion: ifbbw
Redaktion: Jens Lubbadeh, Carl Friedrichs
Fragen, Kritik, Anregungen? Schreiben Sie eine Mail an n1f@zeit.de. Alle "N1F"-Folgen finden Sie unter www.zeit.de/n1f. Dort können Sie auch den "N1F"-Newsletter abonnieren.

Wednesday Mar 25, 2026
Wednesday Mar 25, 2026
In San Francisco kann man die Zukunft sehen: Hier rollen selbstfahrende Autos durch die Straßen. Waymo-Chef Dmitri Dolgov erklärt, wie es zu dieser Revolution kam.
Im Podcast "Nur eine Frage" stellt ZEIT-Chefredakteur Jochen Wegner einfache, aber grundlegende Fragen, auf die eine klare Antwort schwer zu finden ist. Er befragt die bestmögliche Expertin, den bestmöglichen Experten, den wir für das jeweilige Thema finden können – und versucht, eine klare Antwort zu bekommen.
"Die ausgereifteste Verkörperung von künstlicher Intelligenz in der physischen Welt" nennt Dmitri Dolgov die selbstfahrenden Autos, die seine Firma betreibt. Der russisch-amerikanische Mathematiker und Physiker gehörte 2009 zu den Gründern von Googles geheimem Programm für selbstfahrende Autos. Heute ist Dolgov Co-Chef von Waymo, einem Schwesterunternehmen von Google.
In dieser Folge des ZEIT-Podcasts Nur eine Frage sprechen ZEIT-Chefredakteur Jochen Wegner und Silicon-Valley-Korrespondent Nicolas Killian mit Dolgov über die Frage, ob wir in Zukunft noch selbst Auto fahren müssen.
In San Francisco und in neun weiteren amerikanischen Städten gehören die selbstfahrenden Waymo-Autos mit ihren auffälligen Sensoren längst zum Stadtbild. Man bestellt sie per App, und sie bringen einen nahezu überallhin. Fast zwei Millionen Fahrten absolvieren die Roboterautos jeden Monat. Waymo hat damit weitgehend den lang gehegten Traum vom selbstfahrenden Auto verwirklicht. Im Podcast erklärt Dolgov, wie autonome Fahrzeuge in den vergangenen 15 Jahren von ersten Prototypen zu alltagstauglichen Transportmitteln geworden sind.
Das Unternehmen expandiert in immer mehr Städte. Auch in Deutschland bereitet Waymo den Markteintritt vor und hat bereits eine Lobbyistin eingestellt. "Wir werden definitiv nach Berlin kommen", sagt Dolgov. Einen genauen Zeitplan will er nicht nennen, aber zur Ausgangsfrage, ob man in 15 Jahren in Berlin noch einen Führerschein braucht, sagt er: "Selbstfahrende Fahrzeuge werden überall sein."
Produktion: ifbbw, Pool ArtistsRedaktion: Lisa Hegemann, Jakob von LindernHinweis: Die Untertitel im Video wurden mithilfe von KI-Tools erstellt.
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Wednesday Mar 11, 2026
Wednesday Mar 11, 2026
Blausäure, sagt Jack Szostak, sei "ein großartiger Weg, um Leben in Gang zu bringen". Der Satz klingt wie ein Paradox, stammt aber von einem der klügsten Köpfe der Biochemie: Jack Szostak erhielt 2009 den Nobelpreis für Medizin für die Erforschung der Telomere, der Schutzkappen der Chromosomen. Seit vielen Jahren untersucht er, wie vor vier Milliarden Jahren auf der noch jungen, unbelebten Erde das Leben entstand.
Eine schwierige Aufgabe, denn von den Anfängen des Lebens auf der Erde gibt es keine erhaltenen Fossilien. Und zudem ist es schon schwierig, zu definieren, was Leben eigentlich ist. Für Szostak beginnt es dort, wo Darwinsche Evolution einsetzt: sobald ein System sich selbst vervielfältigt, dabei Fehler macht und eine Selektion beginnt. Weiteres Kriterium: Alles irdische Leben auf Erden basiert auf Zellen. Der gemeinsame Vorfahre allen heutigen Lebens – unter Forschern auch Luca genannt (Last Universal Common Ancestor) – muss eine einfache Protozelle gewesen sein, bestehend aus einer primitiven Zellmembran und wahrscheinlich sehr kleinen Stückchen genetischer Information. Jack Szostak glaubt, dass dieser Informationsträger wahrscheinlich aus RNA bestand. Der Grund: RNA-Moleküle können sich selbst kopieren. Umhüllt von einer primitiven Membran, die sich schon aus einfachen Fettsäuren in Wasser selbst bildet, entsteht ein System, das sich selbst erhält. Das ist der Moment, in dem Chemie zu Biologie wird.
Im Gespräch erzählt Szostak, dass die Entstehung des Lebens unvermeidlich und unwahrscheinlich zugleich war: eine Kette physikalisch-chemischer Prozesse, die sich logisch erklären lässt und doch im Rückblick wie ein kosmischer Zufall wirkt. Ob es auch anderswo im Universum Leben gibt? "Vielleicht ist das Leben häufig. Vielleicht sind wir allein", sagt Szostak. "Ich weiß es nicht – und ich bin sehr zufrieden damit, das zuzugeben." Und wenn wir außerirdisches Leben fänden? "Das würde das Bild völlig verändern. Das würde uns sagen: Es ist kein unglaublich seltener und schwieriger Prozess."
Doch der Forscher warnt auch: Das Wissen um den Ursprung des Lebens eröffnet gefährliche Möglichkeiten. Würde man ein "Spiegelbild-Bakterium erschaffen – eine exakte, aber molekular invertierte Kopie –, wäre es immun gegen alle bekannten Viren und möglicherweise auch gegen das menschliche Immunsystem. "Das wäre potenziell schlimmer als ein Atomkrieg", sagt Szostak. Und dennoch überwiegt in seinem Denken die Neugier, nicht die Angst. Vielleicht, so hofft er, wird künstliche Intelligenz eines Tages helfen, die letzten fehlenden Glieder der Kette zu finden – oder sogar neues Leben zu simulieren.
Produktion: Pool ArtistsRedaktion: Jens Lubbadeh
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